Tom Schilling & The Jazz Kids live im Ulmer Roxy, 25. Oktober 2017

Um 19.55 Uhr fällt der Blick in die Café Bar des Ulmer Roxys noch recht ernüchternd aus: Nur knapp 60 Besucher zählt die Location an diesem Mittwochabend. Kurz später betritt Tom Schilling kurz die Bühne um Matthew Matilda anzusagen. Die Band setzt sich zusammen aus Sänger/Gitarrist Matthew aus Manchester, Cellistin/Bassistin Matilda und Schlagzeuger Johannes. Der Sound des Trios war nicht ganz so folkig, wie angekündigt, aber sehr bluesig und auch (positiv) schwerfällig.

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Vom Sound und Gesang war ich stark an Kaleo bzw. David Gray erinnert und sie haben mich gleich beim Opener überzeugt. Ich hab mir gedacht, der Sound wäre doch was als Soundtrack für einen richtig coolen (Tarantino?) Film. Matilda hat öfters zwischen Cello und E-Bass gewechselt. Besonders cool fand ich das Bass-Zupfen auf dem Cello, das hab ich so auch noch nicht gesehen. Wäre schön, die Band mal wieder in Ulm zu sehen und das kann man, wenn auch nur kurz: Sie haben bereits für den Musikmarathon im März zugesagt. Hoffentlich ist bis dahin das Album fertig, an diesem Abend gab es so viele schöne Songs zu hören, die es nicht alle auf die EP von Matthew Matilda geschafft haben.

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Nun geben wir es alle zu: ohne Tom Schilling wären wir doch gestern alle nicht zum Konzert gekommen, oder? Die Tatsache, dass Tom ein äußerst talentierter und natürlich bekannter Schauspieler ist, ist an erster Stelle ein Segen, da die Band automatisch mehr Aufmerksamkeit erhält. Ihre Art von Musik ist nicht unbedingt das, was ich primär höre und bei der ich permanent auf der Suche nach neuem Input bin, von daher wäre ich ohne seinen “Namen” nie darauf gestoßen oder hätte mich damit auseinander gesetzt. An zweiter Stelle stellt “man” (zumindest lt. Internet-Recherche) sich die Frage: “muss das sein – ein Schauspieler, der auch noch singt?” Muss nicht sein, aber darf. Tom Schilling & The Jazz Kids hauen uns kein radio-freundliches “Menschen, Leben, Tanzen, Welt” um die Ohren, hier gibt es keine Ohrwürmer oder Singalongs. Die Musik schleicht sich heran, es wird eine recht düstere, melancholische und vielleicht manchmal auch depressive Stimmung erzeugt, die gerade jetzt super zum Wetter und zur Jahreszeit passt (heute morgen befindet sich Ulm mal wieder im Zentrum einer Nebelsuppe). Die musikalische Begrüßung war “In dieser Stadt”, ein Song ursprünglich von Hildegard Knef. Der Sound der Band wird u. a. als Chanson beschrieben, hiermit also die Verneigung vor einer ganz Großen, und die Band steht stilvoll in Anzügen auf der Bühne.

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Die darauf folgenden Songs sind alle nicht auf dem Album “Vilnius” zu hören, bevor es mit “Ja oder nein”, den ersten Album-Track gibt. Hier in einer solo gesungenen Version, die auf dem Album ein schmalziges Duett mit Mädchen-Stimme Anette Louisan ist und sehr an Schlager der 60er/70er erinnert. Nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch die Stimmung im Publikum nimmt beim Hit “Kein Liebeslied” eindeutig an Fahrt auf und wird bei “Genug” fortgesetzt. Vielleicht kommt es mir nur so vor, aber Tom tanzt von Song zu Song immer ausladender.

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Seine Stimme ist in der Tat sehr jungenhaft, was bei “Kein Liebeslied” besonders zur Geltung kommt und bei “Schwer Dich zu vergessen” den Text leicht morbide erscheinen lässt: “Ich liebe deine Haare, ich liebe deinen Mund. Wenn ich mich nicht beherrschen kann, dann küsse ich ihn wund.” Alle eigenen Songs wurden von Tom getextet und sind eigentlich irgendwie Poesie, mit tiefen Blicken in die Augen der Fans vorgetragen.

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Der Höhepunkt des Abends ist eindeutig “Kalt ist der Abendhauch”, bei dem ich von der Länge der Album-Version etwas enttäuscht bin. Live wurde der stampfende, an Techno erinnernde, Beat lange fortgesetzt, die Band, insbesondere Bassist Leo, hat sich vom Sound forttragen lassen, was Tom begeistert beobachtete. Er hat einen Großteil des Lieds vor der Bühne verbracht, wo er zwischen und mit dem Publikum tanzte. Hollywood Berlin zum Anfassen praktisch.

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Ein kurzweiliger Abend, dessen teilweise bedrückende Lyrics mit entsprechender musikalischer Untermalung von Toms guter Laune und unverkrampften Ansagen aufgelockert wurde. Der Blick hinter mich beruhigte mich dann auch, der Laden hatte sich noch besser gefüllt, wobei Ulm für Acts abseits des Mainstreams einfach doch hart zu knacken bleibt. Andererseits darf man auch die Größe der Stadt nicht außer Acht lassen: Wo mehr Leute wohnen, gibt es potentiell auch ein größeres Publikum. Dieses hier (gemischt: potentielle “Fan-Girlies”, Indie-/Pop-/Rock-Fans, aber auch viele Leute jenseits der 40/50) war auf jeden Fall begeistert und so hoffe ich, dass es nicht bei diesem einmaligen Abstecher der Jazz Kids bleibt. Ich freue mich auf jeden Fall schon, noch einige Male diesen Herbst und Winter mit einer Tasse Tee in eine Decke eingemummelt der Musik und den poetischen Lyrics zu lauschen. Ein kleiner Wehrmutstropfen bleibt für mich: meine Fotos sind zu 97% nichts geworden, das geht normalerweise besser. Ich weiß nicht, ob es nur an der mangelnden Front-Beleuchtung lag. Hmpf.

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